Zurück nach oben scrollen

Autofrei leben – ja, geht das überhaupt?

Rolph spricht mit Menschen, die das wissen müssen

Autofrei ist gar nicht mehr so exotisch, wie man vielleicht denkt. Gerade in den großen Städten mit gutem ÖPNV-Angebot steigt die Zahl der Haushalte, die ohne Auto leben wollen, beständig an. In den Schweizer Städten kommt mittlerweile jeder zweite Haushalt ohne Auto aus. In der Vorreiter-Stadt Bern sogar 57 Prozent. Aber auch in Berlin ist mehr als die Hälfte der Haushalte autofrei, bundesweit sind es im Schnitt 23 Prozent. 

In der Stadt ist die Straßenbahn nah

Natürlich sind es eher die Städter, die ohne Auto leben wollen. Denn in der Stadt mit Bussen und Straßenbahnen und den kurzen Wegen ist das auch meist deutlich einfacher. So ist das auch bei Rupert Röder und Birgit Heinz-Fischer. Sie leben in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz ohne Auto – und das schon immer. Wie kam es dazu? „Es hat sich für uns nie die Frage gestellt, ob wir ein Auto kaufen. Wir haben nie eins gebraucht“, erklärt Rupert. Eine explizite Entscheidung hat es da gar nicht gebraucht. Einzig bei der Wohnungssuche habe es eine Rolle gespielt, erzählt Rupert. „Wir haben gleich mit darauf geachtet, dass in der Nähe eine Straßenbahn fährt.“ Ihr Häuschen in einem Mainzer Vorort liegt denn auch in Reichweite von gleich drei Straßenbahnen und einer Buslinie.

 

Mit Nachwuchs, aber ohne Auto

Tja, das ist natürlich ziemlich komfortabel. Aber wenn sich der Nachwuchs einstellt, sieht das doch meist noch mal ganz anders aus, oder? „Wenn man außerhalb der Reichweite öffentlicher Verkehrsmittel lebt, ist klar, dass Mama oder Papa ganz schnell zum Chauffeur oder zur Chauffeuse werden. Aber das brauchten wir nicht. Wir können alles mit Rad oder Straßenbahn erreichen“, erzählt Rupert. „Eine Änderung gab es schon: Wir haben uns einen Kinderanhänger zugelegt“, erinnert sich Birgit. Und Rupert ergänzt: „Das war sehr praktisch: Ich habe morgens unseren Sohn in die Kita gebracht, den Anhänger dort abgestellt und bin weiter mit dem Rad zur Arbeit. Birgit konnte dann umgekehrt auf ihrem Heimweg unser Kind wieder in den Anhänger packen und heimfahren.“ 

Ist das nicht stressig? Da ist Birgit sich sicher: „Mit Auto ist es doch eher stressiger.“ Aber es gab schon quirlige Szenen mit ihrem Dreijährigen und seinem Freund: „Die saßen hinten im Anhänger und schrien die ganze Zeit ,Schneller Propeller!‘. Und ich saß vorne mit leerem Magen und hab gestrampelt.“

 

Große Stücke

Gut, der Nachwuchs ist mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt und aus dem Gröbsten raus. Aber trotzdem muss man Getränkekisten transportieren, den Wochenendeinkauf organisieren oder wenn sich (nach Corona) gar Besuch ansagt, groß einkaufen. Das ist dann doch stressig, oder? „Wir haben einen Fahrradanhänger, in den Getränkekisten passen. Den kann man auch gleich mit in den Getränkeladen oder Baumarkt schieben, alles vollpacken und dann wieder ans Rad schnallen. Das ist sehr praktisch“, erklärt Birgit. „Und für größere Sachen haben wir mittlerweile auch ein Lastenrad“, ergänzt Rupert. 

Möbel oder die Ausrüstung für die Wohnungsrenovierung lassen sich aber selbst damit nicht herbeiholen. „Natürlich nicht. Aber dafür braucht man doch kein Auto. In diesen Fällen lassen wir uns die Sachen eben vom Baumarkt bringen“, meint Rupert. „Das kommt alle paar Jahre mal vor.“

 

Und wenn es regnet oder schneit …

Rupert und Birgit fahren jeden Tag sechs, sieben Kilometer auf die Arbeit und wieder zurück – jedenfalls, wenn nicht gerade Corona ist. Zurzeit ist eher Homeoffice angesagt. Aber ohne Auto muss man doch trotzdem auch bei nieseligen acht Grad auf die Straße. Für die beiden kein Ding: „Mittlerweile gibt es so tolle Regenklamotten“, meint Birgit. „Da wirst du normalerweise nicht nass.“ Wenn es allerdings sehr schüttet, nimmt auch Birgit die Straßenbahn. „Schlimm ist es bei Glätte. Da werden wir auch ganz vorsichtig und fahren dann halt mit der Straßenbahn“, erklärt Rupert. 

Aber in der Regel schneit es hier ja nicht: „Ich genieße es jeden Morgen, ins Büro zu fahren. Es ist ein schöner Weg, geht durch die Grünanlage, und man trifft immer wieder nette Bekannte“, meint Rupert. Und Birgit vermisst in ihrem Homeoffice sehr den angenehmen Start in den Arbeitstag auf dem Rad: „Mir fehlt das.“

 

Rad allein ist nicht alles

Aber – wenn’s nötig ist – kann man das Rad schon ersetzen. „Wenn es vielleicht mal schnell gehen muss, kann man auch ein Taxi holen oder ein Auto mieten“, meint Birgit. Auch Carsharing ist eine Option, wenn auch Birgit und Rupert ihre Mitgliedschaft mittlerweile wieder beendet haben: „Wir haben es einfach nicht gebraucht“, erklärt Rupert. 

Regelmäßig benutzt er aber die Bahn nach Wiesbaden, um seine Mutter zu besuchen: „Ich nehme das Rad in der S-Bahn mit. Das klappt hervorragend“, berichtet Rupert.

 

Urlaub geht

Die Bahn ist auch wichtig, wenn’s in den Urlaub geht. „Hier ist Vorbereitung alles“, stellt Birgit fest. „Wenn du mit Gepäck unterwegs bist, ist es schon sehr wichtig, vorab zu schauen, wie die Verbindungen sind, um möglichst wenig umzusteigen und mit Zügen zu fahren, die nicht so voll sind.“ Wie lange man tatsächlich mit Gepäck braucht, um seine nächste Verbindung zu kriegen, weiß man eigentlich nur mit Ortskenntnis – wo fährt zum Beispiel der Anschlussbus ab oder wie kommt man mit Rad aus dem Bahnhof? Sie empfiehlt, fachkundiges Know-how einzuholen. „Wir sind am Hauptbahnhof immer super beraten worden.“ 

So war die Kleinfamilie schon in Schweden, in Frankreich oder Italien. „Die Schweiz hat die besten Bahnverbindungen auch in kleine Orte“, schwärmt Rupert. „Und in der Cinque Terre fährt der Zug direkt in den Urlaubsort.“ 

Schwierig ist allerdings, das Rad im Zug mit über die Landesgrenze zu nehmen: „Das sind wirklich zwei Welten. Innerhalb Deutschlands ist es ganz okay. Aber es ist extrem schwierig, das Fahrrad ins Ausland mitzunehmen“, erklärt Rupert.

 

Mehr Rücksicht wäre schön

Dann ist ja eigentlich fast alles perfekt. Oder sind noch Wünsche offen? Da gibt’s natürlich schon noch was. Schließlich ist Rupert auch im Vorstand des rheinland-pfälzischen Verkehrsclubs Deutschland, der sich um eine alternative Verkehrspolitik bemüht. 

„Auch für den ländlichen Raum sollte es bessere Möglichkeiten geben, auf den Öffentlichen Personennahverkehr umzusteigen“, meint Rupert. Der aktuelle Boom der Elektroräder – seit 2015 hat sich der E-Bike-Bestand fast verdreifacht – ist dabei sehr hilfreich: „Ein Großteil der Bahnhöfe und Bushaltestellen auch auf dem Land ist mit einem Elektrofahrrad in einer plausiblen Zeit erreichbar“, erklärt Rupert. „Voraussetzung dafür, dass das auch in Anspruch genommen wird, ist der Ausbau der Radwege, die zu den Haltestellen führen, sowie sichere Abstellplätze für die Räder“, meint Rupert. 

Und noch was: „Wir wünschen uns, dass alle im Verkehr mehr Rücksicht aufeinander nehmen, egal, wie sie unterwegs sind.“ Da können wirklich alle mitmachen.