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I'm walking

Über die Vorteile und den Mehrwert, einfach mal zu Fuß zu gehen

Gestern waren es 9.753 Schritte. Ich zähle sie nicht selbst, aber meine App macht das. 
Wenn ich abends gucke und es sind über 10.000, bin ich zufrieden. Früher war das anders. Ich bin fast jede Strecke mit einem Verkehrsmittel unterwegs gewesen. Bus, Bahn, Taxi, Rad, Roller. Das ist nun vorbei. Ich gehe.

Nicht wandern – gehen!

Liebe Rheinland-Pfälzer, ich weiß, bislang gehört Gehen hier eher in den Bereich Freizeitbeschäftigung. Wandern. Von Nord bis Süd, Weinberge, zahlreiche Burgen und Schlösser, auf den zahlreichen Prädikatswanderwegen. Hier geht es aber nicht ums Wandern, sondern ums Gehen und um Alltag und neue Gewohnheiten. 

Meine Füße sind meine Flügel

Seit ich gehe, stelle ich auch fest, wie viel Zeit es spart. Ich muss fast nie warten, nicht aufpumpen oder abschließen, keine Karte aufladen. Ich gehe einfach los. Ich fühle mich fast so, als hätte ich nicht meine Füße, sondern meine Flügel entdeckt. Zum Supermarkt, zum Friseur, zum Amt, zu Tante Berta. Hast du einen Parkplatz gefunden? Nein, Tante Berta, ich bin zu Fuß. Was? So weit? So weit ist es gar nicht. Und ich bin gut zu Fuß. Besser als mit jedem anderen Verkehrsmittel. Ich kann jeden Weg finden, auf dem Weg viel erledigen, ich bin in dem Tempo unterwegs, in dem mir nichts entgeht, was sich lohnen würde. Kann Menschen zunicken, Ladendekorationen ansehen. Und: Denken. Denn beim Gehen kann man nicht mit dem Handy spielen oder arbeiten. Man kann am besten einfach nur gehen.

Ich bin besser zu Fuß

Wenn der Körper sich bewegt, bewegen sich die Gedanken. Sie sind viel freier beim Gehen als beim Fahren oder Rollen. Gehen verbraucht weniger Aufmerksamkeit. Gehen ist meditativ. Gehen macht fit. Gehen macht unabhängig. Und es gibt viele verschiedene Sorten zu gehen. Die Variationen des Gehens ermöglichen einem Statusbotschaften. Je nachdem, wie man geht, so geht es einem. Je nachdem, wie man geht, kann die Zeit nach dem Gang programmiert werden. 

Zufußgehen wirkt

Ich komme stolzer oder entspannter, frischer oder bestimmter, energischer, selbstbewusster in den nächsten Termin. Das wirkt. Man kann schreiten, flanieren, tippeln, marschieren, trotten, schleichen, trampeln, eilen, schlendern. Es ist ungleich schwerer, so differenziert S-Bahn zu fahren oder zu radeln. Nur Zufußgehen bietet diese Ausdrucksmöglichkeiten, mehr noch diese Möglichkeit, die Zukunft zu beeinflussen. 

Zufußgehen ist die Vorstufe von schweben

Nichts ist außerdem so sauber. So nachhaltig. So gut. Pur. Leicht. Direkt. Ich bin einfach unterwegs. Ich gehe. Ich verstehe mehr und mehr das Konzept von Lehr- und Wanderjahren. In Worms an der Uferpromenade entlang des Rheins grünt, blüht und duftet es. Es sieht nach Mittelmeer aus, nach Toskana. Ich erlaufe mir eine Auszeit. Ich sehe den in Bronze gegossenen Hagen, wie er den legendären Nibelungenschatz im Rhein versenkt, und hebe dabei neue Kreativitäts-Potenziale.

Willst du mit mir gehen?

Ich verstehe Forrest Gump, der drei Jahre läuft, um sein gebrochenes Herz zu heilen. Zu Fuß gehen ist gerade für Paare eine Möglichkeit, ganz zweisam unterwegs zu sein. Händchen halten, das Tempo aneinander anpassen, in einen gemeinsamen Rhythmus kommen, im Vorbeigehen kann keiner das Gespräch erfassen.

Mobilität fing mit Gehen an

Seit ich mich mit dem Gehen beschäftige, stelle ich fest, dass es in unserem Verständnis von Mobilität unterrepräsentiert ist. Obwohl es die erste Form der Mobilität war, noch vor Eseln, Pferden oder Booten. Zu diesem Zeitpunkt war Sitzenbleiben das Recht der Herrschenden. Als sich die Mobilität so weit demokratisierte, dass man aus Effizienzgründen fuhr, wurde gerade das langsame Gehen wieder zum Statussymbol. Aber die Füße verloren ihre Bedeutung als Modalität im Nahverkehr. Heute scheint es fast so, als sei der Öffentliche Personennahverkehr komplett an Rollen gebunden. Kein Wunder, dass Rolph mit einer Rolle daherkommt. Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. 

Die erste Intermodalität: walk and ride

Nimmt man das Gehen mit in den Blick und betrachtet alle Wege in 5-Minuten-Etappen, dann ergibt sich ein deutlich höherer Anteil des Gehens an der Gesamtmobilität der Menschen. Denn zur Haltestelle gehen wir, wir gehen von einem Gleis zum nächsten etc. Untersuchungen zeigen, dass bei dieser Betrachtungsweise das Gehen einen Anteil von circa 40 Prozent erreicht. Eine wesentliche Größe, die inzwischen die Bedeutung von Wegefläche und Wegegestaltung für Fußgänger wieder mehr in den Blick rückt. 

Zu Fuß gehen braucht Wege für Geher

Als Teil des Öffentlichen Personennahverkehrs sind meine Füße ein wichtiger Systembestandteil. Sie sollten gute Bedingungen haben, finde ich. Koblenz wurde 2018 schon zur fußgängerfreundlichsten Stadt Deutschlands gekürt. 5,52 Prozent autofreie Straßen, spezielle Zonen für Fußverkehr und lauffreundliche Straßenbeläge auf insgesamt 13 Kilometern Länge. Keine andere Stadt in der Bundesrepublik konnte hier mithalten. 

Da die Fußgängerwege, ihre Begrünung, Breite und Führung nicht in meiner Macht liegen, beginne ich beim Schuhwerk. Je nach Länge des Weges und verlangtem Tempo verwende ich unterschiedliche Schuhe. Hätten meine Schuhe jetzt noch Chips, die mit der Schrittzähler-App verbunden wären, könnte ich meine Schuhe nach Reichweite bewerten. Ich überlege, welche anzuschaffen.

Corona bringt uns auf die Beine

Im Moment gehen viele Menschen viel mehr zu Fuß, weil sich der gesamte Radius verkleinert hat. Ich habe große Hoffnung, dass aus diesen Menschen „Vorangeher“ werden, die gerne mehr und mehr Etappen ihres Weges gehen – auch auf längeren Wegen. Da wird der Weg schon zum Ziel. Wer jedes Mal nicht an der ersten, sondern an der zweiten Haltestelle in den Bus steigt, macht viele kleine Schritte und einen großen Schritt für die ganz persönliche Verkehrswende. Für die Einkäufe habe ich nun einen sogenannten „Hackenporsche“. Walk and buy. 

Städte entdecken das Gehen neu

In dem Projekt „Bausteine für Fußverkehrsstrategien“ des Fachverbands für Fußverkehr wird die Rolle der Fußgänger erforscht und Städte auf ihre Fußfreundlichkeit überprüft. Auch in Mainz gab es im Auftrag der Stadt den Fußcheck, denn „ohne Gehen geht nichts“. 
In Kaiserslautern überprüft eine Aktionsgemeinschaft die Fußtauglichkeit der Stadt. Zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten ist man unterwegs, die Bürgermeisterin läuft mit. Das Ziel ist der Perspektivwechsel. 

Wohin gehst du?

Jetzt, wo nach den Lockerungen der Radius wieder wächst, sind wunderbare Ziele mit einem ganz neuen Gefühl der Freiheit verbunden. Ich werde mich wie eine Königin fühlen, wenn ich das erste Mal wieder zu meinem Lieblingscafé am Eck schlendere. Das sind von zu Hause aus genau 2.687 Schritte. Zurück noch ein paar mehr, denn da mache ich den Schlenker zum Blumenladen. Ich werde Freunde treffen – mit Abstand natürlich – und am Sonntag gehe ich zur Kirche. Zu Fuß. Oder zum Brunch. Mal sehen. 

Wie viele Schritte pro Tag fördern meine Gesundheit?
5.200 Schritte pro Tag gehen wir Deutschen laut einer weltweiten Studie der Fachzeitschrift Nature, und liegen damit knapp über dem Durchschnitt von weltweit 4.900 Schritten pro Tag1. Aber wie viele Schritte sollte man durchschnittlich am Tag gehen? Um positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit zu spüren, reichen bereits 6.000 bis 8.000 Schritte täglich2
Neben der Anzahl ist es aber auch wichtig, wie schnell oder langsam ich gehe. Hier gilt die Faustregel: je höher die Intensität, desto größer die Verbesserung meiner körperlichen Verfassung. Wer also schnell zu Fuß unterwegs ist, muss nicht zwangsläufig das Tagesziel erreichen, um sich gut zu fühlen3. Wie immer gilt, sich realistische Ziele zu setzen, um die Anzahl der Schritte kontinuierlich zu erhöhen. Wer Lust aufs Zufußgehen bekommen hat, kann ganz einfach die vorinstallierten Apps seines Smartphones nutzen (Apple Health, Samsung Health oder Google Fit)4

Kurz gesagt: 

  • 6.000 bis 8.000 Schritte fördern die Gesundheit
  • Zum Einstieg hilft eine stufenweise Erhöhung der Schritte
  • Hilfreiche Apps: Apple Health, Samsung Health oder Google Fit