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Mobilität der Zukunft

Ein Interview mit Thorsten Müller (SPNV-Nord) und Michael Heilmann (ZSPNV Süd)

Teil I: Immer mehr Menschen fahren Zug. Was tut Rheinland-Pfalz für sie?

Wie sich das Mobilitätsverhalten der Menschen verändert und wie sich die Zukunft der Mobilität in Rheinland-Pfalz vor allem auf der Schiene gestaltet, darüber haben wir mit den beiden Verbandsdirektoren der Zweckverbände des Schienenpersonennahverkehrs Rheinland-Pfalz, Thorsten Müller (SPNV-Nord) und Michael Heilmann (ZSPNV Süd), gesprochen.

Herr Heilmann, Herr Müller, Sie als Direktoren der Zweckverbände des Schienenpersonennahverkehrs sind zuständig für Planung, Koordination und Finanzierung des Nahverkehrs in Rheinland-Pfalz. Sie sehen, wie sich das Mobilitätsverhalten der Menschen ändert und müssen darauf reagieren. Bundesweit ist der Trend seit Jahren: Immer mehr Menschen fahren Zug. Wie sieht das in Rheinland-Pfalz aus?

Michael Heilmann: In Rheinland-Pfalz ist das genauso. Wir haben daher schon 1994 den Rheinland-Pfalz-Takt eingeführt, der die Zugverbindungen aufeinander abstimmt und an allen Tagen der Woche einen verlässlichen Takt anbietet. Wir sind das Land, in dem bundesweit die meisten Strecken wieder in Betrieb genommen wurden: mehr als 100 Kilometer. Wir haben seither praktisch eine Verdoppelung der Fahrgäste und bei einigen Strecken noch viel mehr erreicht.

 

Und wie sieht es mit den Bahnhöfen aus – besonders auf dem Land?

Thorsten Müller: Wir, die Partner in Rheinland-Pfalz aus Land und beiden Zweckverbänden, haben mit der Deutschen Bahn ein Programm vereinbart und zahlreiche Bahnstationen in Rheinland-Pfalz schon erneuert. Momentan führen wir intensive Gespräche mit der Deutschen Bahn, diese Vereinbarung über die Modernisierung der Stationen zu verlängern. Dazu gehört auch das Thema Barrierefreiheit. Aber wir modernisieren nicht nur, sondern es gibt auch ganz neue Stationen. Zum Beispiel den neuen Haltepunkt „Koblenz-Stadtmitte“ mit direktem Zugang zur Altstadt, der sehr gut ankommt.

 

Mit dem Deutschland-Takt gibt es eine Zukunftsvision, in der bundesweit die Züge und Busse aufeinander abgestimmt sind und der Streckenbau sich nach den Fahrplänen richtet. Das Bundesverkehrsministerium hat dies nun als Ziel in sein „Zukunftsbündnis Schiene“ aufgenommen. Wie unterstützt Rheinland-Pfalz dieses Projekt?

Müller:  Wir begrüßen es sehr, dass der Deutschland-Takt Eingang in die Planungen des Bundesverkehrsministeriums gefunden hat. Er ist ja vor vielen Jahren von Menschen aus der Nahverkehrsbranche ins Leben gerufen worden. Man hat sich an den Erfahrungen der Schweiz orientiert, aber auch an gelungenen Projekten im deutschen Nahverkehr. Und dazu gehört der Rheinland-Pfalz-Takt. Das bedeutet: aus der Beliebigkeit der verschiedenen Zugverbindungen zu einer integralen Taktverbindung zu kommen. Und beim Deutschland-Takt ist die Frage: Wie mache ich das im Großen, wie nehme ich den Fernverkehr und den Güterverkehr dazu?

Der Deutschland-Takt soll nach dem Willen des Bundesverkehrsministeriums schon 2021 in den ersten Regionen starten. Wie sind Sie daran beteiligt?

Heilmann: Wir sind in den Arbeitsgruppen, die an diesem bundesweiten Fahrplankonzept arbeiten. Zum Deutschland-Takt gehört auch der Ausbau der Infrastruktur, insbesondere der der Knotenpunkte. Deren Dimensionierung muss den künftigen Angebotsumfang berücksichtigen und in das Gesamtprojekt passen. Das ist ein sehr großer Fortschritt: eine länderübergreifende Planung aus einem Guss.

Müller: Mit einer deutschlandweiten Taktung hat der Fahrgast Riesen-Vorteile: Er kann vielleicht nicht umsteigefrei sein Ziel erreichen, aber er hat sehr gute Anschlüsse – im Nah- und Fernverkehr. Wenn hier aber auch noch der Güterverkehr einbezogen wird, dann merkt man, dass es die Voraussetzungen dazu noch nicht gibt: Wenn alle Züge zu einem bestimmten Zeitpunkt an bestimmten Knotenbahnhöfen sein sollen, brauchen wir dazu auch ein entsprechendes Schienennetz.

 

Wie realistisch ist es dann, den Deutschland-Takt in den nächsten Jahren umsetzen zu können?

Müller: Unser Nahverkehr hat ja schon einen abgestimmten Takt …

Heilmann: Wann der Takt bundesweit greifen wird, ist noch nicht abzusehen. Aber wichtig ist auf jeden Fall, dass es diesen Rahmen gibt und jetzt alle an einem Strang ziehen.

 

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Heilmann: Wir arbeiten am Rheinland-Pfalz-Takt für 2030, der Teil des bundesweiten Deutschland-Takts sein wird. Dazu gehört auch der Ausbau der Infrastruktur wie zum Beispiel der Bau von weiteren Kreuzungsbereichen bei eingleisigen Strecken sowie die Einbindung regional bedeutsamer Buslinien.

 

Nun sind die Menschen ja nicht nur in Deutschland unterwegs. Rheinland-Pfalz grenzt an Frankreich, Luxemburg und Belgien. Wie hält es das Land mit dem grenzüberschreitenden Nahverkehr?

Heilmann: Bei der Zusammenarbeit mit der französischen Région Grand Est haben wir gerade einen großen Durchbruch erzielt: Nach 20 Jahren Begutachtung und Planung sind wir jetzt so weit, dass die Région Grand Est in Abstimmung mit uns und unseren Partnern in Baden-Württemberg und im Saarland 30 Züge in Auftrag geben konnte. Bislang haben uns nämlich passende Züge gefehlt, die in Deutschland und Frankreich zugelassen sind. Damit wird es ab Ende 2024 auf allen grenzüberschreitenden Strecken zwischen Deutschland und Frankreich endlich umsteigefreie Verbindungen geben. Jetzt arbeiten wir mit Hochdruck daran, diese Verbindungen in einen Taktverkehr einzubinden: und zwar an allen Tagen der Woche und zumeist stündlich. Anschließend startet dann das europaweite Vergabeverfahren der Betriebsleistungen.

Müller:  Bei der Verbindung nach Luxemburg haben wir zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen: Wir haben in Deutschland den Regionalexpress zwischen Norden und Süden, den SÜWEX. Er fährt die Mosel und Saar entlang und über die Pfalz nach Mannheim oder von Frankfurt am Main über Mainz nach Koblenz. In Trier wird an dem aus Mannheim kommenden Zug eine Einheit angehängt, die aus Luxemburg anreist: zwei verschiedene Züge von verschiedenen Verkehrsunternehmen, die dann gemeinsam weiterfahren bis Koblenz. Das ist schon eine Besonderheit, dass das klappt. Und zwar stündlich.

Eine Fortsetzung des Interviews zum Thema Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Digitalisierung findest du demnächst auf dieser Seite. Reinklicken lohnt sich!