Superblocks: ein Vorbild für die Mobilitätswende?

Die Dominanz der Autos nimmt weiter zu, der Lieferverkehr explodiert. 25 Prozent der CO2-Emissionen in Rheinland-Pfalz entstehen im Verkehr. Besonders Städte leiden unter der Luftbelastung und dem Verkehrslärm. Zudem wünschen sich die Menschen mehr Freiräume und Grünflächen in ihrem Wohnbezirk und auch mehr Platz für Fuß- und Radverkehr.

Ganz ohne Auto wird es aber nicht gehen. Rheinland-Pfalz setzt als ländlich geprägtes Flächenland auf den Umstieg in den ÖPNV. Es gibt neue ÖPNV-Netze mit dicht getakteten Bus- und Zugverbindungen und, was ganz wichtig ist, mit guter Anbindung an die Zentren. Und gerade in den Städten können innovative Verkehrsberuhigungskonzepte zur Lösung der Probleme mit beitragen.

Superblocks in Barcelona

Eine Lösung für die dringend benötigte Mobilitätswende könnte das Einrichten sogenannter „Superblocks“ sein, ein Konzept, das in Barcelona bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Das Motto dahinter: Der Mensch steht im Mittelpunkt des Wohngebiets, nicht das Auto. Mehrere Wohnblöcke werden zu einem Superblock zusammengefasst. Die Straßen innerhalb dieses Gebiets werden zugunsten von Fuß- und Radverkehr sowie mehr Aufenthaltsqualität für Jung und Alt umgestaltet. Motorisierte Fahrzeuge können weiter einfahren, liefern und laden, jedoch nur noch sehr eingeschränkt parken und vor allem nicht mehr – und das ist ein wichtiger Unterschied – durch den Superblock durchfahren.

Wie Studien zeigen, sind dadurch die entsprechenden Viertel in Barcelona für die Menschen deutlich attraktiver geworden. Die Zahl der Autos habe um 50 Prozent abgenommen, Fußgänger hätten dafür 80 Prozent mehr Flächen im Straßenraum erhalten und viele Bezirke seien kinderfreundlicher geworden. Auch aus wirtschaftlicher Sicht habe sich der Umbau gelohnt. Weil die Aufenthaltsqualität verbessert worden sei, hielten die Menschen sich dort länger auf. Cafés und Einzelhändler würden stärker frequentiert.

Europas Städte gehen mit gutem Beispiel voran

Neben der katalonischen Metropole gibt es auch in anderen europäischen Städten ähnliche ganzheitliche Modelle zur Umgestaltung des öffentlichen Straßenraums. In London wurden zwischen 2013 und 2019 „Mini-Hollands“ in drei Außenbezirken umgesetzt. Wie der Name schon sagt, gilt Holland als Vorbild.

Autofahrten sollten auf den Rad- und Fußverkehr verlagert werden. Insbesondere die kurzen Fahrten unter fünf Kilometer standen dabei im Fokus. Dafür wurden möglichst viele Barrieren beseitigt, damit Jung und Alt so sicher und bequem Fahrrad fahren konnten wie in den Niederlanden.

Maßnahmen umfassen hier neben Kfz-Durchfahrtssperren auch die Verbesserung von Rad- und Fußwegen sowie attraktivere Straßen und Plätze unter anderem in Form sogenannter „Pocket Parks“, zu Deutsch „Westentaschen-Parks“. Dabei handelt es sich um kleine grüne Oasen zwischen dicht gebauten Häusern, die den Anwohnerinnen und Anwohnern Aufenthaltsräume bieten.

Auch hierzulande gibt es prominente Beispiele aus Berlin und München. Die Hauptstadt hat einen Abschnitt auf der Einkaufsmeile „Friedrichstraße“ dichtgemacht und auch in Wohnbezirken wie Kreuzberg und Neukölln werden durch Straßensperrungen Autoräume zurückerobert. München hat in der Vergangenheit zeitweise für mehrere Wochen Straßenabschnitte gesperrt und auf den Flächen Spielstraßen und verkehrsberuhigte Bereiche geschaffen.

Ein Vorbild für Rheinland-Pfalz?

Auch in den Städten und Verdichtungsräumen unseres Bundeslandes ist der Wunsch nach einer nachhaltigen Innenstadtentwicklung mit mehr Lebensqualität, guter Luft, mehr Freiflächen und weniger Kraftfahrzeug-Verkehr groß – wenn möglich ohne Einschränkungen der eigenen Mobilität. Auch der demografische Wandel sowie die durch Digitalisierung und Homeoffice veränderte Arbeitswelt spielen mit in dieses Thema hinein. Die Ideen der Superblocks nach internationalem Vorbild sind auch in städtischen Verkehrsberuhigungskonzepten in Rheinland-Pfalz zu finden.

Mehr Ruhe in der Mainzer Altstadt

Die Mainzer Altstadt soll mehr verkehrsberuhigte Bereiche bekommen – das hat der Stadtrat einstimmig beschlossen. Die drei Altstadt-Gässchen zwischen Maria-Ward-Straße und Weißliliengasse sollen zu Spielstraßen umgewandelt werden.

Ganz frei von Autos wird die Altstadt allerdings auch in naher Zukunft nicht sein. Doch wer weiß: Vor 60 Jahren konnte sich auch niemand vorstellen, dass die Augustinerstraße, die Hauptstraße der Altstadt, einmal ganz für Fußgängerinnen und Fußgänger da sein wird.

Spielstraßen in Bad Kreuznach

Bad Kreuznach hat im letzten Sommer bereits temporär Spielstraßen eingerichtet. Während der Ferien war dort kein fließender Verkehr möglich, stattdessen gab es für Kinder mehr Platz zum Spielen.

Ein Angebot der Stadt, das besonders in den schwierigen Coronazeiten zusätzliche Spielräume geschaffen hat.

Weniger Durchgangsverkehr in Speyer

Die Domstadt plant, den Bereich rund um den Postplatz bis in die Gilgenstraße hinein für den Individualverkehr zu sperren und als Fußgängerzone auszuweisen.

Dadurch sollen weitere Plätze mit Aufenthaltsqualität entstehen. Allerdings befürworten das nicht alle. So gibt es auch Stimmen, die in der schlechteren Autoanbindung eine Gefahr für Einzelhandel und Gastronomie sehen. Gewerbe, die ohnehin schon von den Coronafolgen geplagt sind. 

Pro und Kontra in Worms

Worms gilt als eine der staureichsten Städte in Rheinland-Pfalz. Eine Bürgerbefragung hat ergeben, dass eine große Mehrheit das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt als zu hoch wahrnimmt.

Interessant ist hierbei die Frage nach einem autofreien Zentrum. Während 49 Prozent dem wohlwollend gegenüberstehen und mehr Lebensqualität und Platz für „schöne Dinge“ erkennen, sehen 46 Prozent eine sterbende Innenstadt und zugrunde gehende Geschäfte. Zudem wird häufig angemerkt, dass Menschen mit Behinderung oder eingeschränkter Mobilität benachteiligt werden.  

Gut zu Fuß in Koblenz

Auch die Stadt an Rhein und Mosel leidet am hohen Verkehrsaufkommen. Koblenz gehört zu den Städten im Land mit den meisten angemeldeten Kraftfahrzeugen. So mag die Nachricht überraschen, dass sie auch zu den fußgängerfreundlichsten Städten in Deutschland zählt.

Ermittelt wurde das durch den Anteil an Fußgängerzonen im Verhältnis zu den Gesamtkilometern der Straßen in der Stadt. Mit insgesamt 13 Kilometern erreicht Koblenz einen Anteil von 5,52 Prozent autofreier Straßen. In den letzten Jahren wurden in der Stadtplanung immer mehr verkehrsberuhigte Bereiche und autofreie Zonen eingerichtet. Zuträglich für den Spitzenplatz könnte auch die Teilnahme am EU-Projekt „City on Foot“ in den Jahren 2004 bis 2008 gewesen sein. Dabei wurden spezielle Zonen für den Fußverkehr geschaffen und Straßenbeläge „lauffreundlich“ und barrierefrei gestaltet. Großen Anteil haben auch die Auswirkungen der Bundesgartenschau, die im Jahr 2011 in Koblenz stattfand und die erste in Rheinland-Pfalz war. Unter anderem sind hochwertige Freiflächen entstanden, eine moderne Seilbahn und mehr Aufenthaltsqualität entlang der Uferpromenaden, die Koblenz für Fußgängerinnen und Fußgänger attraktiver gemacht haben.

Römer statt Diesel in Trier?

Bereits vor sieben Jahren hatte der Stadtrat beschlossen, die Römerbrücke autofrei zu machen, jedoch kein Datum festgelegt. Das imposante Baudenkmal, das auch als Weltkulturerbe gelistet ist, könnte zu einer großen Attraktion für Radfahrer, Fußgänger und Touristen umgestaltet werden, die gerne zu Fuß die Stadtgeschichte erkunden.

Mit Sitzgelegenheiten, mehr Ruhe und viel Platz fürs Flanieren und gastronomischen Angeboten. Doch bis es so weit ist, müssen noch einige Fragen geklärt werden. Vor allem, wie ein drohendes Verkehrschaos durch Überlastung der anderen beiden Moselbrücken und der Uferstraßen verhindert werden kann.

Wird mit Superblocks alles super?

Expertinnen und Experten betonen, dass autofreie Wohnviertel nur ein Baustein für die Verkehrswende sein können. Denn selbst wenn der Durchgangsverkehr aus den Bezirken verschwindet, taucht er an anderer Stelle wieder auf.

Auch die dringlichen Fragen, wie das Bebauungspotenzial in Innenstädten für die steigende Bevölkerungszahl besser genutzt, der Wohnungsmangel beseitigt und der Landflucht entgegengewirkt werden kann, müssen geklärt werden.

Verstärkt darüber nachzudenken, lohnt sich aber auf alle Fälle. Denn die Mobilität ist ein Schlüsselbereich zur Umsetzung der Klimaschutzziele und der damit einhergehenden Lebensqualität in den Städten. Mit dem Ausbau des ÖPNV und einem attraktiveren Schienenverkehrsangebot möchte Rheinland-Pfalz die Menschen davon überzeugen, auf klimafreundliche Verkehrsmittel umzusteigen. Das Ziel sollte sein, den Wechsel zu einer verkehrsberuhigten Stadt für alle Verkehrsteilnehmer so einfach, durchdacht und angenehm wie möglich zu vollziehen.

Was läuft in deinem Block super?

Schreibe uns, wie es vor deiner Haustür aussieht. Wir freuen uns über Tipps und Anregungen, wie Wohngebiete lebenswert sein können und die Mobilität erhalten bleibt. Die Einrichtung von Spielstraßen, das Anlegen von Mini-Parks, Parkplätze, die zu Café-Terrassen umgestaltet werden, verkehrsberuhigte Bereiche für sichere Schulwege, E-Scooter-Sharing, neue Radwege oder regelmäßige nachbarschaftliche Straßenfeste ohne Durchfahrtsverkehr – Möglichkeiten gibt es viele.

Maile uns deine Anregungen und teile sie mit unseren Leserinnen und Lesern: ein kurzer Text, gerne mit Foto, reicht. Bitte an die E-Mail-Adresse: redaktion@rolph.de

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