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Winterbücher und Seelenwärmer

Wenn der Winter sich hinzieht, kann man sich die Zeit des Wartens auf den Frühling gut mit spannenden, anrührenden oder lehrreichen Büchern vertreiben. Rolph stellt euch vor: Lesestoff für die letzten kalten Tage.

Diesmal unterstützt uns Helena Bose vom Mainzer Buchladen Cardabela, der 2019 sein vierzigjähriges Bestehen feierte. Helena hat drei Büchertipps für euch. Den Spezial-Tipp von Rolph gibt’s am Ende obendrauf.

Wunderbares Romankleinod

Tipp eins: „Tamangur“ von Leta Semadeni ist ein schmales, berührend stilles Buch. 73 kurze Kapitel erzählen von den kleinen Geschichten des Alltags. Ein jedes steht für sich und doch ergeben alle zusammen ein wunderschönes, buntes Mosaik.

Es ist die Geschichte von einem Kind und der Großmutter. Der Platz des Großvaters ist leer, dennoch ist der Abwesende immer und überall dabei. Bilder von einem kleinen Dorf in den Bergen des Engadins wechseln sich ab mit Erinnerungen an den Großvater, der nun in „Tamangur“ weilt, an Eltern, deren Fehlen auf eine tiefe Leere verweist, an den kleinen Bruder, der mit dem Fluss verschwand. Aber auch bunte Erinnerungsbilder von fernen Reisen mischen sich unter heitere Alltagsszenen. „Die Erinnerung ist weit weg von der Wahrheit. Aber sie macht glücklich.“ Leta Semadenis poetische Sprache gibt ihren Figuren allen Freiraum, damit sie sich entfalten können.

„Tamangur“ ist ein viel zu schönes Buch für einen müden Kopf, deshalb habe ich es an einem Donnerstagabend beiseitegelegt, um es am Sonntag wieder hervorzuholen, und nach dem Auftauchen aus 160 Seiten ist „Tamangur“ nun mein erstes „Sonntagsbuch“!

Ein wunderbares Romankleinod, zu genießen an den kommenden glücklichen Sonntagen.

Leta Semadeni: Tamangur. Rotpunktverlag, erweiterte Neuausgabe 2019, 160 Seiten,
24,00 €

 

Leidenschaftlicher Roman

Tipp zwei: Sechs Frauen, sechs Lieben, ein Jahrhundert – Markus Orths entwirft in seinem Roman „Max“ das Panorama einer wahnwitzigen Zeit. Und mittendrin: der Maler, Grafiker und Bildhauer Max Ernst. Er kämpft gegen die Verrücktheit einer Welt, die aus den Fugen gerät. Er flieht vor dem strengen Vater, dann vor dem Nationalsozialismus. Er sucht die Frau, die er lieben kann: in Deutschland, im wilden Paris der Zwanzigerjahre, im Exil in den USA. Gefunden hat er besondere Menschen und sechs Frauen, die er lieben lernt – so wie Leonora Carrington und Peggy Guggenheim.

Im Spiegel dieser sechs Frauenleben entfaltet sich ein Roman über das 20. Jahrhundert und einen seiner großen Künstler. Markus Orths erzählt so lebendig und ansteckend, dass man in jeder Zeile die Leidenschaft spürt, mit der dieser Roman geschrieben wurde. – Ein faszinierendes und gleichzeitig informatives Lesevergnügen nicht nur für Kunstliebhaber.

Markus Orths: Max. btb 2020, 576 Seiten, 12,00 €

Buch für Kinder

Tipp drei: Hanna ist mit ihren beiden Vätern umgezogen. Alles ist neu. Am allerneuesten aber ist, dass unter ihrem Bett ein Zebra liegt. Bräuninger heißt das kluge Tier, das Schokocreme mag, Hustensaft trinkt und Zähne putzt.

Bräuninger geht mit Hanna zur Schule, kann prima Geschichten erzählen, rechnen und verflixt gut turnen. Aber nichts bleibt so einfach, wie es morgens angefangen hat. Also braucht Hanna auch noch andere neue Freunde.

Ein herrliches Buch mit viel frechem und feinem Witz, das wunderbar warmherzig von Freundschaft und Miteinander erzählt, von „homosensationellen“ Vätern, Kinderalltag und Kindernöten.

Markus Orths, Kerstin Meyer: Das Zebra unterm Bett. Moritz Verlag 2015, 72 Seiten, 9,95 €

Empfohlen ab 6 Jahren, geeignet zum Vorlesen und als Erstlesebuch.

 

Rolphs Spezial-Tipp:

Krimi-Auftakt im Voralpenland

„Grenzfall – Der Tod in ihren Augen“ von Anna Schneider ist ein Krimi, wie er zu sein hat: ein Pageturner, den man einfach fertig lesen muss. Schneider lässt uns ganz nah ran an ihre Hauptperson Alexa Jahn, an ihren Mut und ihre Selbstzweifel.

Die junge Kriminaloberkommissarin schlittert direkt am ersten Tag an ihrer neuen Dienststelle in Oberbayern in Ermittlungen zu einem spektakulären Mordfall, für die sie auch noch sofort die Leitung übernehmen muss: In einer Felswand der Bayerischen Voralpen wird der verstümmelte Leichnam einer jungen Frau entdeckt. An den Oberkörper der Toten wurden Beine aus Stroh befestigt. Kurz darauf tauchen weitere Leichenteile am Achensee in Tirol auf. Ihr österreichischer Counterpart Bernhard Krammer vom LKA Tirol scheint allerdings mehr mit der Frustbekämpfung über seinen bisherigen Lebensweg beschäftigt, denn mit aktiver Ermittlungsarbeit. Auf Alexa Jahn wartet ein ziemlich harter Job. Denn der Mörder droht mit weiteren Toten.

Spannend bis zum Schluss und doch auch ein Ausflug in die malerische Landschaft von Voralpen und Karwendel. Und das Beste: Es geht weiter mit Jahn und Krammer. Band 2 der Reihe erscheint Anfang 2022.

Anna Schneider: Grenzfall – Der Tod in ihren Augen. Fischer Taschenbuch 2021, 432 Seiten, 10,99 €