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Zukunft gemeinsam er-fahren

Im Hunsrück fährt das Dorfauto elektrisch

„E-Mobilität muss man er-fahren“, meint Frank-Michael Uhle. Er ist Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises und zuständig für das Dorfauto-Projekt in seinem Kreis, das Elektromobilität und Carsharing aufs Land bringt. Was es damit auf sich hat, wie und ob es funktioniert, hat sich Rolph erklären lassen.

Das Dorfauto ist ein Allrounder. Es hat eine große Ladefläche und Sitzplätze für fünf Personen. Und es fährt elektrisch. Es gibt acht Dorfautos und über drei Jahre werden sie jeweils ein Jahr lang in insgesamt 24 Dörfern und Orten im Hunsrück stationiert. 2019 hat der Rhein-Hunsrück-Kreis das E-Dorfauto-Projekt aufgelegt. Im letzten Dezember ging es in die zweite Runde.
 

Erwartungen übertroffen

„Unsere Erwartungen an dieses Projekt wurden deutlich übertroffen“, bilanziert Klimaschutzmanager Frank-Michael Uhle die erste Runde. Rund 350 Hunsrückerinnen und Hunsrücker haben sich bislang schon für die Teilnahme am kostenlosen E-Carsharing angemeldet und im ersten Jahr etwa 184.000 Kilometer in 3.600 Fahrten mit dem Dorfauto zurückgelegt.

„Gebraucht haben die Leute es zum Beispiel für den Umzug, die Fußballjugend wurde – als man das noch konnte – damit transportiert oder es wurde für die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe genutzt“, erzählt Wolfgang Wagner, selbst ehrenamtlicher „Kümmerer“ der ersten Projektrunde.
 

„Kümmerer“ im Einsatz

„Kümmerer“ sind jene Menschen, die das Projekt am Laufen halten. Sie helfen bei der Registrierung, organisieren die Zulassung zum Carsharing und gucken darauf, dass das Dorfauto in Schuss bleibt. Jede Gemeinde, die das Dorfauto nutzen will, muss einen „Kümmerer“ benennen.

„Das war eine der Voraussetzungen zur Teilnahme am Projekt“, erklärt Uhle. Zusätzlich müssen die Gemeinden einen zentralen Standort bereitstellen, wo eine Ladestation installiert werden kann. Das Dorfauto muss mit zertifiziertem Ökostrom betankt werden.

Die „Kümmerer“ sind dabei eine zentrale Komponente des ländlichen E-Carsharings. „Dass wir im Rhein-Hunsrück-Kreis so gut dastehen mit dem Klimaschutz, liegt am ehrenamtlichen Engagement“, erklärt Uhle.

Klimaschutz-Region

Im Rhein-Hunsrück-Kreis mit seinen vielen Windrädern und Solaranlagen wird Klimaschutz schon seit Jahren großgeschrieben. Dreimal mehr Strom aus Wind, Sonne und Biomasse wird hier erzeugt, als verbraucht wird. Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist damit einer der ersten Null-Emissions-Landkreise in Deutschland. Aber der Hunsrück ist auch Pendler-Land. Und die Zahl der Fahrzeuge steigt und entsprechend die Emissionen.
 

E-Auto ausprobieren

Da bietet sich doch eine umweltfreundliche Alternative an: „Elektromobilität für Pendler ist heute absolut alltagstauglich. Da gibt es auch keine Reichweiten- oder Ladeprobleme“, erklärt Klimaschutzmanager Uhle. Und deutlich billiger sind die E-Autos im Unterhalt auch noch. „Das wird sich in den nächsten Jahren durchsetzen“, ist sich Uhle sicher, der selbst seit Jahren mit seinem E-Auto zur Arbeit pendelt.

Das E-Dorfauto ist da ein guter Anfang: „Ich habe mir auch erst ein E-Auto gekauft, nachdem mir liebe Menschen mal ihren Schlüssel für 24 Stunden geliehen hatten und ich meine Strecken ausprobieren konnte.“

Und es funktioniert. „Kümmerer“ Wolfgang Wagner kann schon berichten, dass aus seinem 100-Seelen-Ort gleich drei Leute sich mittlerweile ein E-Auto zugelegt haben.
 

Teilen lernen

Nicht nur die Elektromobilität muss erfahren werden. Auch das Teilen will geübt sein. „In Städten ist der Sharing-Gedanke längst etabliert, aber auf dem Land ist das noch nicht so“, beschreibt Uhle die Situation. Sein Landkreis gehört zu den rheinland-pfälzischen Regionen mit der höchsten Pkw-Dichte und die meisten Haushalte haben mehr als ein Fahrzeug. „Während das eine Auto werktags zur Fahrt zur Arbeit genommen wird, steht das Zweit- und Drittauto zumeist nur rum. Das sind dann keine Fahrzeuge, sondern Standzeuge.“ Hier ein Auto zu teilen, wäre ideal.

Gut, wenn man das Carsharing mit dem kostenlosen Dorfauto ausprobieren kann. „Kümmerer“ Wolfgang Wagner kann berichten, dass es durchaus mal zu überraschenden Situationen kommt: „Wenn das Auto länger steht und nicht abgeschlossen ist, aktiviert sich die Wegfahrsperre.“ So erging es der jungen Frau, die nur mal kurz in die Buchhandlung wollte. Beim Rückweg traf sie auf das Ordnungsamt, das ihr erklärte, sie brauche hier eine Parkscheibe. Nachdem das geklärt war, ließ sich der Wagen nicht mehr öffnen.

Eigentlich kein Problem: „Die Tür mit dem Chip erst schließen, dann wieder öffnen und dann geht’s weiter“, erklärt Wagner. „Da liegt zwar ein Handbuch im Handschuhfach, aber das haben natürlich die wenigsten gelesen.“

Auch für Wagner war es die erste Sharing-Erfahrung. Und er ist überzeugt von der Idee: „Wir sind ein kleiner Ort mit etwa 45 Haushalten und haben über 60 Autos im Dorf, von denen viele überwiegend auf dem Hof rumstehen“, berichtet Wolfgang Wagner. „Mit Carsharing bräuchte man die nicht.“
 

Ideale Ergänzung zu Bus und Bahn

Das gemeinsame Dorfauto würde auch noch ein Problem lösen: Denn wenn auch schon ordentliche Fortschritte bei der Bus- und Bahnanbindung gemacht wurden, gibt es noch Lücken im relativ dünn besiedelten Hunsrück: „Wir haben bei uns zwar das ÖPNV-Konzept Rheinland-Pfalz Nord schon umgesetzt und alle Orte mit über 200 Einwohnern werden tagsüber mit dem Bus im Zwei-Stunden-Takt angefahren. Aber bei kleinen Orten fehlt die sogenannte ,letzte Meile‘“, meint Klimaschutzmanager Uhle. Und überhaupt: „Es gibt auch Dinge, die kann man nicht mit dem Bus machen, zum Beispiel ein Möbelstück transportieren oder im Verein zusammen etwas unternehmen. Ein Allrounder als Dorfauto ist da eine ideale Ergänzung für den ÖPNV.“  

Dorfauto für immer

Das Dorfauto-Projekt ist auch über den Hunsrück hinaus auf großes Interesse gestoßen. „Der Landkreis Mayen-Koblenz zum Beispiel hat ein Klimaschutzkonzept entwickelt und überlegt, ebenfalls Dorfautos einzusetzen“, berichtet Uhle. Aber es gibt auch Anfragen aus anderen Bundesländern.

Dass es im Hunsrück weitergeht, dafür sind die Aussichten nicht schlecht. Das Projekt läuft zwar noch fast zwei Jahre, aber schon jetzt hat der Kreistag beschlossen: Orte, die sich ein eigenes Dorfauto anschaffen, können zwei Jahre lang einen Zuschuss vom Landkreis bekommen. „Kümmerer“ Wagner findet das natürlich gut: „In unserer Gemeinde wird schon darüber nachgedacht, uns so ein Dorfauto zuzulegen.“


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